Der Sommer steht bevor und damit Reisezeit. Tausende können es kaum abwarten, in die Ferne zu fliegen, und hoffen, nicht so ein Chaos zu erleben wie im vergangenen Jahr. Da lagen die Nerven wegen Ausfällen, Verspätungen und verlorenem Gepäck bei vielen blank, und die Flugbegleiter hatten es auszubaden. Die Zahl der Passagiere, die in der voll besetzten Kabine den Aufstand inszenieren, hat drastisch zugenommen. An alle Reisenden daher schon jetzt die Bitte: Seid gut zu den Engeln der Luft. Ihr wisst nicht, wofür ihr sie noch einmal braucht!

So vermeintlich glamourös der Job der Stewardess oder des Stewards auch sein mag, Respekt vor ihm haben die wenigstens. Landläufig ulkt man über die »Trollymaus«, die »Tablettschleuder« oder die »Düse«. Am häufigsten aber fällt in diesem Zusammenhang der Begriff »Saftschubse«. Damit wäre dann alles gesagt, was es über diesen Beruf über den Wolken und die damit verbundenen großen Aufgaben zu sagen gäbe.
Eigentlich nein. Zunächst einmal wäre das falsche Deutsch zu bemängeln. Denn tatsächlich müsste es ja »Saftschiebe« heißen, und nicht »Saftschubse«, denn die Damen und Herren im Service im Flieger schubsen ja nicht, die schieben: Den Trolley durch enge Gänge mit exponierten Passagierellbogen, die man nicht abrasieren darf, auch wenn dem ein oder anderen Flugbegleiter sicher manchmal danach ist. Dann gibt es noch die beliebten Turbulenzen, die Passagiernormal angeschnallt im Sitz aushält, während die Damen und Herren im Service versuchen, freihändig auf zwei Beinen Haltung zu bewahren. Bitte kein Mitleid! Flugbegleiter haben Magnete in ihren Schuhsohlen, damit sie im Falle heftiger Wirbelstürme den Kontakt zum metallenen Kabinenboden nicht so leicht verlieren. Alles gar nicht so schlimm!
Dann dürfen Sie noch freudig erregt während derartiger Turbulenzen Tüten mit warmen Mageninhalt entgegennehmen (und immer schön lächeln! Lächeln!), auch wenn ihr eigener Mageninhalt gerade den Drang verspürt, frische Luft zu schnappen; dürfen Flugzeugtoiletten auf Vordermann bringen, die der tatsächliche Vordermann gerade genussvoll mit seinen Markierungen auf dem Toilettenboden versehen hat (Motto: Darfs ein bisschen mehr sein?); dürfen, wenn die Dame auf 7A über dem Atlantik einen Herzanfall bekommt, Händchen halten, weil der Herr Gemahl neben ihr für derartige Sentimentalitäten in seiner Firma nicht ausgebildet wurde; dürfen Kindergeschrei ertragen und pöbelnde Dauernörgler davon abhalten, den mitfliegenden Passagieren nach dem Leben zu trachten („Stell sofort die Rückenlehne gerade oder ich polier dir die Fresse!“), und dürfen auch sonst so Allerlei, was einfach Spaß und den Beruf zum Traumjob macht. Und zu guter Letzt haben sich diese Düsen das ja auch selber ausgesucht, eingebrockt, aufgebürdet. Also keine Klagen, bitte. Und jetzt mal einen Tomatensaft, Fräulein, aber dalli!
Wer sich mit den Ausfallerscheinungen des Homo sapiens bisher nicht ausreichend vertraut gemacht hat, kann in einem voll besetzten Flieger mit hundert+ Passagieren aller Geschlechter und Herkünfte ein weites Studienfeld betreten. In engen Verhältnissen neigen Menschen dazu, besonders herzlich unausstehlich zu sein, quälend quengelig und immer felsenfest davon überzeugt, dass im Prinzip keiner so wichtig ist, wie gerade sie auf 12B oder 34K – weil der Rest an Bord ja nicht wirklich zählt. Alles unerfahrene Deppen, die man sowieso nie hätte einsteigen lassen dürfen! Ein Kreuz ist das. Man macht als Passagier wirklich was mit!
Ein Traumjob
Ausbaden dürfen diese Einschätzungen dann die Damen und Herren vom Kabinenpersonal, denen man ja auch nach einer Langstrecke morgens um vier Uhr beim Servieren des Frühstücks nie ansieht, dass sie müde sind und ausgerechnet in diesem Moment die Zusammenstellung des Aufschnitts nicht in epischer Breite diskutieren möchten. Wie das? Woher soll Mensch Passagier das wissen? Wieso gibt es, nur weil 189 andere Muffel auf das Frühstück warten, keine Zeit, über Pute oder Rind und Bio oder nicht und warum sieht das so trocken aus und haben Sie nichts anderes da? zu diskutieren. Das muss doch bitte drin sein in diesem Traumjob! Der einen im Übrigen um die ganze Welt fliegen lässt – umsonst! – und sicher toll bezahlt wird! – Und falls nicht, ist es auch egal. Das Ticket war jedenfalls schweineteuer. SCHWEINETEUER, Fräulein!
Morgens um vier Uhr. Irgendwo zwischen irischer Westküste und Englischem Kanal fühlt sich die Saftschubse so gar nicht mehr dazu in Laune, noch irgendetwas zu schubsen, außer vielleicht den nörgeligen Passagier aus dem Flieger. Aber weil der Kapitän das in luftiger Höhe nicht gerne sieht, wenn man die Tür öffnet, bleibt alles beim Alten. Schön lächeln, aushalten, ausbaden und sich möglichst nicht nach dem Sinn des Lebens fragen. Und auch nicht danach, welches Buchungsunglück einem just diesen Unsympath in die 12. Reihe gesetzt hat. Und auch nicht danach, warum gerade auf diesem Flug über Frankfurt wieder die Dauerwarteschleife angestellt wurde. Es lohnt nicht. Man bekommt auf keine solcher Fragen je eine vernünftige Antwort.
Man kann auf Lang- wie Kurzstrecken viel erleben und mehr beobachten, als einem oft lieb ist. Vor allem aber kann man feststellen, wie fehlein- und selbstüberschätzend der Mensch an sich ist. Ein kluger Kopf hat einmal gesagt: An der Art, wie ein Mensch einen Kellner behandelt, kann man erkennen, was für einen Charakter der Mensch hat. – Oder ob er überhaupt einen besitzt, möchte man ergänzen und im Übrigen darauf verweisen, dass der Begriff »Kellner« beliebig in »Rezeptionist«, »Reinigungskraft«, »Bahnschaffner«, »Zimmermädchen«, »Krankenschwester«, »Telefonistin« oder eben auch »Flugbegleiter« geändert werden kann. Sage mir, wie Du Dich anderen in Serviceberufen gegenüber verhältst, und ich sage Dir, wer Du bist.
Und so brüsten sich die angeblichen Vielflieger – die gerne überspielen, dass es erst ihr dritter Flug im Leben ist und sie eigentlich die Hosen gestrichen voll haben – damit, alles ganz genau zu wissen über diese »Saftschubsen«, denen man nach Belieben auch gerne einmal im Gang an den Po grapschen darf – denn mehr Respekt kann eine solche Schubse nun wirklich nicht verlangen, wenn sie in einer so knackigen Uniform Tee serviert. Oder?
Retter in der Not
Wenn ich beim Anblick der Flugbegleiterinnen und ihrer männlichen Kollegen an »Schubsen« denke, denke ich nur daran, wie sie im entscheidenden Moment nach einer Notlandung oder gar einem Crash an der offenen Tür im Flieger stehen und in Windeseile mit eiserner Disziplin die Passagiere hinaus auf die Notrutschen »schubsen«, damit diese unversehrt und lebend aus dem Wrack kommen. Sie selbst bleiben dagegen im Flieger, bis der letzte Passagier in Sicherheit ist – und riskieren im schlimmsten Fall, es selbst nicht mehr lebend hinauszuschaffen. Für derartiges »Schubsen« sollte man einen Orden bekommen. Häme dagegen oder Spott ist völlig fehl am Platz. Ich möchte schwören, dass der Passagier, der in guten Zeiten am lautesten die »Saftschubsen« anpöbelt, derjenige ist, der sich im Notfall am meisten in die Hosen macht – und heilfroh ist, dass da Menschen sind, die die Ruhe bewahren und ihn retten.
Beim nächsten Flug, wenn sich die freundliche Servicekraft in der Kabine zu einem hinunterbeugt und fragt: „Kaffee oder Tee?“, ruhig einmal daran denken. Seid nett zu ihnen. Ihr wisst nicht, für welche Art von »Schubsen« ihr sie irgendwann noch einmal braucht. Und wenn ihr Pech habt und euch nicht benehmt, schubsen sie euch vielleicht in die falsche Richtung. Verdient hättet ihr es.
In diesem Sinne – happy landing!