Klartext klingt anders, Deutsche Welle!

Angesichts der Vorwürfe gegen den Rammstein Frontmann Till Lindemann, sich im Backstage-Bereich von Konzerten sexuell übergriffig gegenüber weiblichen Fans gezeigt zu haben, melden sich derzeit viele Kommentatoren in den Medien zu Wort. Auf der Webseite der Deutschen Welle zum Beispiel verkündet Kulturredakteurin Silke Wünsch, jetzt sei „Zeit für Klartext“. Doch von Klartext ist nichts zu sehen. Im Gegenteil, sie wiegelt ab. Hier mein offener Brief an die um den Frontmann so besorgte Kollegin.

Screen dump aus dem Porno-Video von Till Lindemann. Er steckt einer Frau sein Geschlechtsteil in den Mund, umklammert dabei ihren Hals und stößt dann gegen ihre Abwehr wiederholt so tief, dass sie würgt und aufheult. Daraufhin schlägt er ihr ins Gesicht. DW Kulturredakteurin Silke Wünsch weiß davon nichts. Sie plädiert dafür, dass „dringend der Ball flach gehalten werden“ muss. Für Lindemann gelte die „Unschuldsvermutung“. – Doch wie „unschuldig“ ist einer, der derartige Gewalt an Frauen öffentlich zur Schau stellt?

Sehr geehrte Kollegin Wünsch

wie verharmlosend kann man als Redakteurin nur an Fakten herangehen?

Angesichts der schweren Vorwürfe, die gegen Till Lindemann erhoben werden, berichten Sie, dass in vielen Kommentaren unter Rammstein-Posts in den sozialen Netzwerken die Fans die Band um eine Stellungnahme bitten. Und ergänzen:

„Als Rammstein-Fan bittet auch die Autorin dieses Kommentars darum.“

Man fragt sich, warum Sie Rammstein-Fan sind und es überhaupt sein können.

Haben Sie sich dieses – seit drei Jahren im Netz verfügbare – Video mit Ihrem geliebten Rammstein Sänger einmal angeschaut?

(An dieser Stelle kann kein Link stehen, denn sonst würde ich mich wegen Verbreitung pornographischer Inhalte strafbar machen. Unter dem Google Suchbegriff „Till the End“ findet man aber sofort den besagten – extrem widerlichen, frauenverachtenden – Pornofilm mit Till Lindemann.)

Sorry, aber ich als Mann kann nach einem solchen Video, bei dem einen physisch übel wird, nicht Rammstein-Fan und Unterstützer sein. Sie als Frau können? Da verstehe einer die Welt.

Finde ich Anstoß daran, dass Lindemann ein Video dreht, dass ihn beim Sex zeigt? Eher weniger. Jeder soll machen, wozu ihm ist – so lange andere dabei nicht zu Schaden kommen.

Dann schauen Sie sich aber einmal an, wie frauenverachtend dieses Video ist: Gewalttätig, quälend, erniedrigend. Unerträglich in der sexuellen Gewaltphantasie gegen Frauen.

Sie schreiben:

„Als Frau wünscht sich die Autorin dieses Kommentars, dass die Frauen die Wahrheit sagen.“

Sonst wünschen Sie sich als Frau nichts?

Und:

„Bis die Wahrheit ans Licht kommt, muss dringend der Ball flach gehalten werden. Für Till Lindemann gilt das Unschuldsprinzip.“

Als habe es dieses gewaltverherrlichende, frauenfeindliche Video nie gegeben.

Sind Sie so schlecht informiert? Haben Sie so wenig recherchiert (als sicher gut bezahlte Redakteurin)?

Oder ist Ihnen die Erniedrigung von Frauen einfach wurscht?

„Rammstein provozieren seit ihren Anfängen mit Tabubrüchen, Lindemann phantasiert in einem seiner Gedichte über Sex mit schlafenden/bewusstlosen Frauen“, schreiben Sie. – Aber es hält Sie nicht davon ab, für diese ‚ultrabösen Jungs‘, die „in Wirklichkeit … doch ganz liebe Kerle sein“ wollen, als Fan zu schwärmen.

Und:

„Fans, die Klarheit darüber haben wollen, ob sie Lieder wie „Rein raus“ noch feiern dürfen, oder ob es einem dabei kalt den Rücken runter läuft.“ – Was genau gab es da bisher zu feiern bei diesem sexistischen, frauenverachtenden Lied, bei dem Frauen nur beliebig austauschbare Penetrationsobjekte sind? Was konkret, Frau Kollegin?

Und:

„Es ist wichtig, dass Till Lindemann Empathie zeigt, sowohl mit den Frauen, die ihn nun beschuldigen, als auch mit den Fans“, schreiben Sie. – Soll das nach dem oben erwähnten Video ein Witz sein? Lindemann soll Empathie (sic!) zeigen? Der Mann, der vor laufender Kamera einer Frau sein Geschlechtsteil in den Mund rammt, und, wenn sie würgt und abwehrend schreit und aufheult, ihr ins Gesicht schlägt? Leben Sie noch in dieser Welt? Wie viel „Empathie“ für Frauen entdecken Sie denn in diesem frauenverachtenden Video, in dem Frauen sexuell gequält und erniedrigt werden? Habe ich etwas verpasst?

Was nur bewegt eine Frau, von einer solchen Gruppe „Fan“ zu sein? Ich werde es als Mann, der seit Jahrzehnten mehr als nur die #MeToo Berichte kennt, nie begreifen.

Stockholm-Syndrom? Oder einfach nur weggeschaut?

In beiden Fällen keine Qualifizierung für einen solchen Kommentar auf DW. Sie erweisen damit der Deutschen Welle, aber vor allem Ihren Geschlechtsgenossinnen, einen ganz üblen Dienst.

Wir leben in einem Land, in dem an jedem dritten Tag eine Frau von ihrem Mann ermordet wird. An jedem dritten Tag! Erreicht Sie das irgendwie?

Wir leben in einem Land, in dem im vergangenen Jahr weit über 11.000 Frauen vergewaltigt wurden. Diese Zahl bildet lediglich die polizeilich erfassten Straftaten ab, es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt.

Diese Morde, Femizide genannt, und diese erschreckende Zahl an Vergewaltigungen geschehen in einem Umfeld, in dem die Gewalt gegen Frauen als Bagatelle und Privatangelegenheit abgetan wird. Ein Umfeld, in dem selbst eine Kulturredakteurin der Deutschen Welle nichts Bemerkenswertes daran findet, dass ein Rockstar in einem öffentlich verbreiteten Porno-Video Frauen schlimmste Gewalt und sexuelle Demütigungen zufügt. „Der Ball muss unbedingt flach gehalten werden.“ Es gilt die „Unschuldsvermutung“!

Wer den Zusammenhang zwischen öffentlich gefeierter Gewalt gegen Frauen und den Männern, die sich dadurch ermuntert fühlen, Frauen Gewalt anzutun, nicht begreift, hat ein erschütterndes Wahrnehmungsproblem. Und was für eine „Kultur“ das ist bei der Deutschen Welle, bleibt da erst recht zu fragen. Es ist eine Kultur, die Gewalt gegen Frauen durch Wegschauen und Bagatellisieren erst möglich macht. In einer mit Steuergeldern finanzierten öffentlich-rechtlichen Anstalt verbietet sich so etwas.

Männer wie Lindemann verdienen – spätestens nach dem „Brutalo-Sex-Clip aus der Amateurporno-Ecke(Rolling Stone) – unsere Abscheu. Ganz sicher nicht unsere Fan-Verklärung.

Und wo der Klartext ist in Ihrem Text, erkenne ich nicht. Klartext zu diesem Mann klänge ganz anders:

„Widerlicher geht es nicht.“

Gelesen hat man das von Ihnen nicht. Und das ist zutiefst befremdlich, immer und grundsätzlich, aber insbesondere von einer „Kulturredakteurin“ der Deutschen Welle.


(Hinweis: Ich empfehle ausdrücklich nicht, sich das widerliche Video von Till Lindemann anzuschauen. Man schafft das nur mit sehr starken Magennerven, und der Anblick von gequälten Frauen ist unerträglich. Aber wer sich das Video nicht anschaut, dem fehlt die Legitimation, sich zu der Person Till Lindemann in irgendeiner Weise zu äußern. Denn dieses Video ist Teil seines Ichs, und wer das nicht kennt oder nicht kennen will, dem fehlt die Grundlage für eine realistische Beurteilung des Frontmannes von Rammstein.)

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